Ein Nachmittag beim Amtsgericht

Wie sieht eigentlich der Einsatz eines Dolmetschers bei Gericht aus? Unsere französischen Praktikantinnen Laura Carollo & und Eline Barré waren für Sie dabei und berichten:

„Da Dolmetschen auch zu unserem Studiengang in Frankreich gehört, haben wir gefragt, ob es im Rahmen unseres Praktikums bei Lingua-World möglich wäre, mal einen Tag mit einem Dolmetscher zu verbringen. Da es aus nachvollziehbaren Gründen nicht erlaubt ist, einen Dolmetscher zur Polizei zu begleiten – hier finden sehr häufig Dolmetschereinsätze statt –, haben wir an einer öffentlichen Sitzung beim Amtsgericht teilgenommen.

Dolmetscher bei Gericht

Die Sitzung fand in einem kleinen Gerichtssaal statt und die Atmosphäre war ziemlich beeindruckend. Anwesend waren außer den Zuschauern die Richterin, die beiden Rechtsanwälte, der Kläger, der Angeklagte, ein Zeuge und natürlich der Dolmetscher. Der Kläger und der Zeuge waren Togolesen. Der Dolmetscher sollte also „Kotokoli“, eine afrikanische Sprache, übersetzen.

Die Richterin erklärte zunächst den Ablauf der Sitzung. Der Dolmetscher musste schwören, dass er alles wahrheitsgemäß und so gut wie möglich übersetzen würde, Wort für Wort und ohne etwas zu ändern oder hinzuzufügen. Danach fing die Sitzung an. Es handelte sich um eine Hundeattacke, die sich auf einem Schrottplatz, wo der Kläger ein neues Teil für sein Auto suchte, ereignete hatte. Er stand neben einem Zaun, als ein Hund ihn in die Hand biss und zu Boden zog.

Der Kläger hatte als Erster das Wort (auf Kotokoli), und der Dolmetscher übersetzte dies für alle in die deutsche Sprache. Hier wurde uns bewusst, wie schwierig Dolmetschen eigentlich sein muss, denn manchmal sprechen alle auf einmal. Die Richterin fragt etwas, der Rechtsanwalt sagt etwas Anderes und der Kläger ist währenddessen immer noch dabei, Erklärungen auszuführen. Es war für den Dolmetscher fast unmöglich allen zu folgen.

Das Gespräch dauerte eine Weile, denn die Richterin ist verpflichtet, alles was der Kläger sagt, auf ihrem Diktafon aufzunehmen. Und der Dolmetscher muss für den Kläger übersetzen, was sie aufnimmt, weil dieser bestätigen muss, dass dies stimmt.

Anschließend wurde der Zeuge angehört. Er wollte aber nicht Kotokoli sprechen, sondern Französisch! Der arme Dolmetscher, der zum Glück auch Französisch konnte, sollte also Deutsch, Kotokoli und Französisch hören, verstehen und sprechen. Für ihn war es bestimmt sehr anstrengend, aber wir fanden es super. Denn als französische Muttersprachlerinnen konnten wir seine Übersetzung verstehen – sie war echt gut!

Dass im Verlauf der Sitzung Kläger und Zeuge sich total widersprochen haben, ließ das Ganze beinahe lustig wirken. Die Streitparteien hatten jeweils ihre eigene Version von der Hundeattacke vorgetragen. Es war ziemlich chaotisch.

Die Sitzung dauerte mehr als zwei Stunden, und am Ende wusste niemand, was wirklich passiert ist. So wurde noch ein neuer Termin vereinbart. Diesen Nachmittag fanden wir sehr bereichernd, und es hat uns großen Spaß gemacht! Es war wirklich spannend, die verschiedenen Versionen zu hören und mit zu überlegen, was da wirklich passiert sein könnte. Man achtet auf Kleinigkeiten, muss versuchen, die Szene zu visualisieren und sich merken, ob die eine oder andere Version plausibel ist. Es war sehr interessant, zu sehen mit welchen Problemen sich ein Dolmetscher manchmal auseinandersetzen muss und wie eine Gerichtssitzung in Wirklichkeit abläuft!“

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